„Es hilft nichts, der reichste Mensch auf dem Friedhof zu sein“! Immer wenn ich mit Menschen über deren Ziele und Lebensweise, deren Einstellung zu anderen Menschen und ihrem entsprechenden Verhalten spreche, fällt mir die Lebensweisheit von Sir Peter Ustinov ein. Und wie recht er doch damit hat, weil keiner von uns, wenn es soweit ist, ja etwas mitnehmen kann. Oder wie es Albert Schweitzer auch so treffend ausgedrückt hat: „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen“.

Was ausser dieser Spuren zählt in unserem Leben noch, was ist der eigentliche Sinn des Lebens, was brauchen wir wirklich und was macht uns tatsächlich glücklich? Diese Fragen stellen sich manche Menschen jeden Tag, andere gar nicht. Oder erst dann, wenn es zu spät ist, diese Fragen zu stellen und darauf die richtigen Antworten zu erhalten.

Es war im ICE von Köln nach Berlin. An einem trüben November-Nachmittag, auf dem Rückweg von einer längeren Dienstreise und einem anstrengenden Termin. Ich schrieb auf meinem Laptop und freute mich auf mein warmes Bett zu Hause. Am Bahnhof Hannover setzte sich ein junger Mann neben mich. Mitte Zwanzig, schmal, blass, mit müden, traurigen Augen. Blickte nach ein paar Minuten auf meinen Bildschirm und sagte unvermittelt: Ich würde schreiben „Back Street statt Wall Street“. Er meinte die Überschrift zu meiner Stoffsammlung über den nächsten geplanten Beitrag. Bei dem es darum gehen sollte, welchen Preis man bereit ist, für den dafür erhaltenen Gegenwert, den eigenen Nutzen zu bezahlen. Auch um Karriere, Macht und Geld und um den Aufstieg und Fall von Top-Managern. Ob es dabei zum Beispiel wichtig ist, schon mit Anfang vierzig eine pompöse Villa, seine eigene Yacht und einen protzigen Sportwagen zu besitzen. Und dafür vielleicht mit einer gescheiterten Beziehung, keinen wirklichen Freunden und/oder dem ersten Burn out bezahlen zu müssen.

Auch darüber, wie man im Leben sein Glück finden und dieses festhalten kann. Ob es dabei „nur“ die eigene Gesundheit ist, oder finanzielle Sicherheit. Oder eher doch eine erfüllende Beziehung und eine sinnvolle Beschäftigung. Wie man es bei der Suche nach dieser „sinnvollen Beschäftigung“ schafft, die Lebensweisheiten von Konfuzius (Der Weg ist das Ziel) oder von Laotse umzusetzen. Der einem rät, „einen Beruf zu finden, den man liebt, um dann im ganzen Leben nicht mehr arbeiten zu müssen“. Und dass bei diesem Beruf dann wiederum die Menschen den Unterschied ausmachen, mit denen man zusammenarbeitet.

So kamen der junge Mann und ich ins Gespräch. Er erzählte über sein gerade abgeschlossenes VWL-Studium und seine aktuelle Auszeit. Dass er später gerne heiraten und Kinder haben möchte und gerade auf der Rückfahrt nach Berlin-Kreuzberg in seine Wohnung sei. Haben Sie Freunde in Hannover besucht, oder sich bei einem Unternehmen beworben? Nein, antwortete er auf meine Frage. Ich war bei meiner Oma im Krankenhaus. Abschiedsbesuch, sie ist 90 Jahre alt und stirbt.

Ich wusste zuerst nicht, ob ich das Gespräch abbrechen und ihn in Ruhe lassen sollte. Nach einer kleinen Weile sagte ich dann doch: Besuche im Krankenhaus sind nie schön, ich mag so etwas auch nicht. Ja, sagte mein Sitznachbar, aber für mich war es das letzte mal, dass ich meine Oma lebend sehen konnte, sie hat Krebs, unheilbar. Dann brach es aus ihm heraus: Sie ist der beste Mensch, den Sie sich vorstellen können! Hat alles in ihrem Leben für ihre Kinder getan und liegt jetzt wie ein hilfloser Säugling im Bett.

Warum lässt man Menschen so lange so leiden, warum lässt man sie nicht einfach gehen!? Eine kleine Dosis Morphin mehr am Tag, sie hätte weniger Schmerzen und könnte in Frieden einschlafen. Aber die Ärzte weigern sich, dürfen angeblich nicht eingreifen. Meine Oma kann nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen, nur noch mit ihren Augen reden. Und als ich sie beim Abschied in den Arm nahm, fing sie an zu weinen. Ihr Enkel neben mir schlug die Hände vor sein Gesicht, seine Schultern zuckten und die Tränen liefen ihm durch seine Finger.

Den Rest der Fahrt sassen wir schweigend nebeneinander, jeder von uns hing seinen Gedanken nach. Ich schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit, ab und zu huschten die Lichter von Häusern am Wegesrand vorbei. Ich dachte an meine Erfahrungen mit dem Tod und an meine Eltern, die mich auf eine ähnliche Art und Weise wie die Großmutter des jungen Mannes verlassen mussten. Und die zu Lebzeiten ebenfalls alles für meine vier Geschwister und für mich taten, „nur“ damit es uns einmal besser gehen sollte, wie ihnen. Ich machte mir auch wieder Vorwürfe, dass ich mich zu wenig um sie und zu viel um mich, meine Karriere, mein Haus und mein Auto gekümmert hatte.

Nach dieser langen Reise kam ich spät Abends zuhause an, den Kopf immer noch voller Gedanken. Später im Bett erzählte ich mein Gespräch mit dem jungen Mann meiner Ehefrau. Mit einem dicken Kloß im Hals und mit vielen Pausen. Sie nahm mich einfach in den Arm und sagte leise: Nur gut, dass Du wieder da bist…